„Als Steinsfurt aus allen Nähten platzte“

Sonderausstellung „Flucht, Vertreibung und Neuanfang 1945“ im Lerchennest

Heute ist Steinsfurt ein Stadtteil der im Rhein-Neckar-Kreis gelegenen Kreisstadt Sinsheim. Was sich in den Jahren 1945/46 in der kleinen idyllischen Gemeinde in Nordbaden – heute mit etwa 3.200 Einwohnern – ereignete, hat sich der Verein „Freunde des Lerchennest“ zur Aufgabe gemacht.

Mit der Sonderausstellung „Flucht, Vertreibung und Neuanfang 1945“ wird im Lerchennest an das Schicksal Hunderter Heimatvertriebener aus den ehemals deutschen Gebieten im heutigen Polen, Rumänien, Ungarn, der Ukraine und Tschechien erinnert. Nach dem „Stein des Erinnerns“, der Anfang Juli am Lochberg enthüllt worden war, ist damit der zweite Teil des Projektes abgeschlossen.

Der Vorsitzende des Vereins – Hans-Ingo Appenzeller – erläuterte in seiner Begrüßungsansprache zunächst die Beweggründe, diese Ausstellung zu konzipieren. Der Gemeinde Steinsfurt seien nach dem Zweiten Weltkrieg insgesamt 703 Flüchtlinge und Heimatvertriebene zugewiesen worden. Diese Neubürger stammten aus 88 verschiedenen Ortschaften, größtenteils aus dem Sudetenland, viele aber auch aus Ungarn und Schlesien. Um die Ausmaße für den Ort aufzuzeigen, stellte Appenzeller diese Zahl ins Verhältnis zur damaligen Größe der Gemeinde. „Vor dem Krieg war Steinsfurt ein Bauerndorf mit 1.200 Einwohnern. Dazu waren bereits während des Zweiten Weltkrieges 350 Evakuierte aus umliegenden Städten gekommen“, so Appenzeller. Bis Ende 1946 hätte sich die Bevölkerungszahl mehr als verdoppelt und damit die Menschen und die Kommunen vor schier unlösbare Probleme gestellt.

„Der damalige Landkreis Sinsheim hatte mit 27,2% der Bevölkerung den zweithöchsten Anteil zugeteilter Flüchtlinge in Baden-Württemberg“, erklärte Appenzeller weiter. Dies entsprach etwa 30.000 Flüchtlingen und Heimatvertriebenen.

Während die Ausstellung konzipiert wurde, erfuhren Appenzeller und seine Mitstreiter von etlichen Zeitzeugen, welch menschenunwürdige Situationen diese erleben mussten, bis sie im Kraichgau ankamen. Erst langsam wären die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen akzeptiert und geschätzt worden.

„Wir hoffen, dass wir aus der Geschichte lernen, und dass so etwas nie mehr passiert“, so Appenzeller abschließend, bevor er zusammen mit dem Sinsheim Oberbürgermeister Jörg Albrecht und dem Bundesvorsitzenden der LDU Joschi Ament sowie weiteren geladenen Ehrengästen die Ausstellung eröffnete.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung / Bild: Alexander Becker

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