„Nie wieder Verirren im Dschungel der Gewalt“

Gedenkkonferenz zum 80. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen

Anlässlich des 80. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen fand in Budapest im Zentralgebäude der Ungarischen Akademie der Wissenschaften die Gedenkkonferenz „Nie wieder!“ statt. Ziel der Veranstaltung war es, würdiges Gedenken mit einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung zu verbinden und zugleich die Verantwortung der Gegenwart zu betonen.

Die feierliche Eröffnung gestaltete die Jugendblaskapelle aus Sóskút und setzte damit ein Zeichen für die kulturelle Kontinuität der ungarndeutschen Gemeinschaft.

 

 

In den Grußworten unterstrichen Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, sowie Tamás Freund, Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die Bedeutung von Erinnerung, Wissenschaft und historischer Verantwortung.

 

 

 

Miklós Soltész, Staatssekretär für Kirchen- und Nationalitätenangelegenheiten, und Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, würdigten die Standhaftigkeit der ungarndeutschen Gemeinschaft und erinnerten daran, dass sich hinter allen Zahlen menschliche Schicksale verbergen. Trotz Verfolgung und Entrechtung sei es der Gemeinschaft gelungen, ihre Identität, Kultur und Institutionen zu bewahren.

 

Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, betonte, dass Vertreibung kein abgeschlossenes historisches Ereignis sei, sondern bis heute in Familienerinnerungen fortwirke. Die Zusammenarbeit zwischen Landsmannschaft und Landesselbstverwaltung verstehe er als bewusste Antwort auf die Geschichte und als Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.

Die zahlreichen Fachvorträge beleuchteten Ursachen, Verlauf und Folgen von Vertreibung und Zwangsarbeit ebenso wie Neuanfang, Integration und Erinnerungskultur in europäischer Perspektive. Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie eine jüngere Forschergeneration sorgten für eine differenzierte, fundierte Auseinandersetzung.

Die Konferenz machte deutlich: „Nie wieder“ ist kein bloßer Rückblick, sondern ein Auftrag für Gegenwart und Zukunft.

 

Zu den Vorträgen:

Die Vorträge am Vormittag widmeten sich den grundlegenden historischen Prozessen und ihren Voraussetzungen. László Schindler ging in seinem Vortrag „Was weiß man allgemein über den Prozess? Was beinhalten die Geschichtsbücher?“ der Frage nach, wie der Vertreibungsprozess im öffentlichen Wissen und in Schulbüchern präsent ist. Beata Márkus analysierte in ihrem Videobeitrag „Die Verschleppung der Ungarndeutschen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion 1944/45” die Deportationen sowie deren langfristige Folgen. László Orosz beleuchtete mit „Flucht und Evakuierung 1944. Die Phase vor der ‚kollektiven Bestrafung‘” die Vorgeschichte der Zwangsmigration. Nach der Kaffeepause ordnete Zsolt Vitári das Thema mit „Moderne Völkerwanderung – Flucht und Vertreibung in Europa in den 1940er Jahren” in einen gesamteuropäischen Kontext ein. Agnes Tóth untersuchte in ihrem Vortrag „Zwang oder Möglichkeit? Die Akzeptanz des Prinzips der Kollektivschuld im Bezug auf die Ungarndeutschen” die ideologischen Grundlagen der Vertreibung. Georg Ritter zeigte in „Die Vertreibung der Deutschen aus Schaumar 1944–1948” lokale Dimensionen der Ereignisse auf, während Peter Schweininger mit „Wie verlief die Vertreibung in Saar?” einen weiteren kommunalen Vergleich vorstellte.

Die Vorträge am Nachmittag richteten den Blick auf die Zeit nach der Vertreibung, auf Neuanfang, Integration und Erinnerung. Kristina Kaltenecker stellte in „Der Neuanfang in Westdeutschland: Ungarndeutsche Siedlungen am Rande Darmstadts (in Hessen)” Integrationsprozesse in der Bundesrepublik vor. Csilla Schell analysierte in „‚Also sind wir so schnell nach Deutschland gekommen‘ – Neuanfang nach Vertreibung im Spiegel von Ego-Dokumenten” persönliche Zeugnisse der Betroffenen. Nora Tóth-Rutsch stellte den Neuanfang der Vertriebenen in der sowjetischen Besatzungszone vor. András Morauszki führte die Diskussion mit „Die Identität der Deutschen in Ungarn heute im Spiegel der Volkszählung” in die Gegenwart. Den Abschluss bildete Maria Erb mit ihrem Vortrag „‚Nie wieder‘ – Gedenkstätten der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen”, der Erinnerungskultur und historische Verantwortung zusammenführte.

Die besondere Bedeutung der Konferenz lag in der Vielfalt und fachlichen Tiefe der Vortragenden: Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, erfahrene Hochschullehrende, Archivfachleute sowie eine jüngere Generation von Forscherinnen und Forschern traten in einen gemeinsamen Dialog. Diese Breite an Perspektiven gewährleistete eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ungarndeutschen.

Einen sensiblen kulturellen Akzent setzte der Auftritt des Holczinger-Molnár-Duos, dessen Volksliedprogramm aus Sammlungen aus Sitsch und Totwaschon das Gedenken auf eindrucksvolle Weise musikalisch erfahrbar machte.

In den Schlussworten der Konferenz wurde betont, dass „Nie wieder“ nicht nur eine historische Aussage, sondern eine Verpflichtung der Gegenwart ist. Erinnerung, Wissen und Dialog sind unverzichtbar, um zu verhindern, dass sich die Tragödien der Vergangenheit wiederholen.

Veranstaltet wurde die von der Regierung Ungarns geförderte Konferenz von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Die Veranstaltung trug wesentlich dazu bei, die Geschichte der Vertreibung der Ungarndeutschen als wissenschaftlich reflektierte, gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

 

 

Über die Vortragenden:

László Schindler
Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch sowie langjähriger Leiter des deutschen Nationalitätenklassenzugs am Lovassy-László-Gymnasium in Wesprim. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der Geschichte der Ungarndeutschen im Schulunterricht.

 

 

Beata Márkus
Historikerin und Leiterin der Stiftungsprofessur für Deutsche Geschichte und Kultur in Südostmitteleuropa an der Universität Pécs. Sie forscht zur Zwangsarbeit, Migration und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.

László Orosz
Historiker mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Deutschen im Karpatenbecken. Seine Arbeiten befassen sich unter anderem mit Flucht, Evakuierung und Radikalisierungsprozessen im 20. Jahrhundert.

 

 

Zsolt Vitári
Habilitierter Dozent und Leiter des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Universität Pécs. Er ordnet die Geschichte der Ungarndeutschen in europäische und vergleichende Zusammenhänge ein.

 

 

Agnes Tóth
Forschungsprofessorin am Institut für Minderheitenforschung der ELTE und eine der renommiertesten Expertinnen zur Geschichte der Ungarndeutschen und zur Vertreibung nach 1945.

 

 

Georg Ritter
Hauptarchivar im Ungarischen Nationalarchiv. Seine Forschung verbindet lokale Vertreibungsgeschichten mit Fragen der Erinnerungskultur.

 

 

Peter Schweininger
Historiker und Träger des Otto-Heinek-Preises 2024. Er untersucht vergleichend die lokalen Abläufe der Vertreibung der Ungarndeutschen.

 

 

Kristina Kaltenecker
Historikerin und Co-Redakteurin des Suevia Pannonica Archivs. Seit Jahrzehnten forscht sie zur Geschichte und Kultur der Ungarndeutschen in Ungarn und Deutschland.

 

 

Csilla Schell
Historikerin und Mitarbeiterin des Instituts für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Ego-Dokumente und persönliche Zeugnisse von Vertriebenen.

 

 

Nora Tóth-Rutsch
Doktorandin an der Universität Pécs und Lehrerin am Valeria-Koch-Bildungszentrum. Sie forscht zur Integration der Vertriebenen in den Besatzungszonen nach 1945.

 

 

András Morauszki
Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Minderheitenforschung der ELTE. Er analysiert die heutige Identität der Deutschen in Ungarn anhand von Volkszählungsdaten.

 

 

Maria Erb
 Habilitierte Dozentin des Germanistischen Instituts der ELTE. Ihre Arbeiten verbinden Dialektologie, Sprachwissenschaft und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.

 

 

(Quelle: zentrum.hu)