Die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU) stellt zu den Parlamentswahlen am 12. April 2026 erneut eine ungarndeutsche Landesliste, damit die deutsche Nationalitätengemeinschaft mit einer eigenständigen parlamentarischen Vertretung und einem starken Mandat ihre kulturellen, bildungspolitischen und identitätsbewahrenden Interessen vertreten können.
An der Spitze der auf Vorschlag der Komitatsorganisationen zusammengestellten Liste steht Gregor Gallai.
Gregor Gallai (Quelle: LdU)
Der in der Öffentlichkeit sowie in der Arbeit der ungarndeutschen Gemeinschaft seit vielen Jahren aktive Fachmann setzt sich zum Ziel, in enger Zusammenarbeit mit der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, parteipolitisch unabhängig und konsequent die Interessen der Ungarndeutschen zu vertreten.
(v.l.n.r.): Konrad Epple, Stefan Altenberger (Erster Beigeordneter der Stadt Gerlingen), Alexander Dierks, Joschi Ament, Erich Gscheidle (Foto: Hannes Griepentrog)
Besuch des sächsischen Landtagspräsidenten im Gerlinger Stadtmuseum
Auf Einladung von Konrad Epple MdL, Vorsitzender des Arbeitskreises Heimatpflege im Regierungsbezirk Stuttgart, besuchte der Präsident des Sächsischen Landtags, Alexander Dierks, das Stadtmuseum in Gerlingen – insbesondere die eindrucksvolle Abteilung zur Geschichte der Deutschen aus Ungarn.
Epple verband bewusst sein politisches Mandat mit seinem ehrenamtlichen Engagement, um der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU) einen Austausch mit Sachsen zu ermöglichen. „Gerade kulturelle Erinnerungsarbeit verdient politische Aufmerksamkeit“, betonte er.
Klaus Herrmann (2.v.l.) bei der Führung durch die Ungarndeutsche Abteilung des Stadtmuseums (Foto: Hannes Griepentrog)
Gerlingens Stadtarchivleiter Klaus Herrmann führte durch die Dauerausstellung und zeichnete die Geschichte der Ungarndeutschen nach: von der Ansiedlung im 18. Jahrhundert bis zur Vertreibung ab 1946. Rund 3.600 Vertriebene – davon knapp 800 Ungarndeutsche – fanden in Gerlingen eine neue Heimat und prägten die Stadt nachhaltig – bis heute gilt sie als „inoffizielle Hauptstadt der Ungarndeutschen“.
Für den gebürtigen Bietigheimer Dierks war der Besuch auch persönlich bewegend. Besonders beeindruckt zeigten ihn die Zeitzeugen-Interviews von Schülerinnen und Schülern des Robert-Bosch-Gymnasium Gerlingen. Mit Blick auf das jahrzehntelange Schweigen in der DDR über Flucht und Vertreibung verwies er auf bestehende Lücken in der sächsischen Erinnerungskultur.
Im Gespräch: Konrad Epple, Joschi Ament, Klaus Herrmann, Alexander Dierks (Foto: Hannes Griepentrog)
Im abschließenden Gespräch mit dem LDU-Bundesvorsitzenden Joschi Ament und dem Bundesgeschäftsführer Erich Gscheidle stand der Blick nach vorn im Mittelpunkt. Alle betonten die gemeinsame Verantwortung, Erinnerung lebendig zu halten und Brücken zwischen den Regionen zu schlagen.
Die Bereitschaft für einen künftigen Dialog und einen engeren Austausch war auf beiden Seiten spürbar zu erkennen – als Signal für eine zukunftsgerichtete, gemeinsame Erinnerungsarbeit in Verantwortung für kommende Generationen.
v.l.n.r.: Stefan Fulst-Blei, Manuel Hagel, Klaus Hoffmann, Cem Özdemir, Hans-Ulrich Rühlke (Foto: BdV BW)
BdV Baden-Württemberg bringt Spitzenpolitiker zur Landtagswahl zusammen
Am 9. Februar 2026 veranstaltete der BdV Baden-Württemberg seinen 4. Jahresempfang im Haus der Heimat Stuttgart. Rund 170 Teilnehmer aus allen 16 im Land vertretenen Landsmannschaften sowie Gäste aus Politik, Gesellschaft, Kultur und Medien folgten der Einladung. Die Veranstaltung bestätigte erneut ihren Stellenwert als wichtiger Treffpunkt im politischen und gesellschaftlichen Kalender Baden-Württembergs.
Nach der Begrüßung durch den Landesvorsitzenden Hartmut Liebscher stand die Podiumsdiskussion zur kommenden Landtagswahl im Mittelpunkt des Abends. Es diskutierten führende Vertreter der Landespolitik: Manuel Hagel (CDU), Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), Hans-Ulrich Rülke (FDP) sowie Stefan Fulst-Blei. Fulst-Blei vertrat dabei den kurzfristig verhinderten SPD-Spitzenkandidaten Andreas Stoch.
Unter der Moderation von Klaus Hoffmann wurden zentrale landespolitische Themen, gesellschaftliche Fragestellungen und Zukunftsperspektiven Baden-Württembergs erörtert. Die Diskussion machte unterschiedliche politische Akzentsetzungen sichtbar: Während Hagel vor allem landespolitisch-konkrete Aspekte betonte, setzte Rülke kulturelle und bildungspolitische Schwerpunkte. Fulst-Blei stellte sich engagiert den Fragen des Abends, während Özdemir grundsätzliche politische Leitlinien und persönliche Erfahrungen einbrachte.
LDU-Vertreter beim Jahresempfang: Joschi Ament, Jan Ament, Renate Bayer, Markus Czinszky, Erich Gscheidle (v.l.n.r.)
Für den festlichen Rahmen sorgte das Siebenbürgische Blechbläserquartett. Beim anschließenden Stehempfang nutzten die Gäste die Gelegenheit zum persönlichen Austausch.
Der Jahresempfang hat sich als feste Größe etabliert und bot auch 2026 eine lebendige Plattform für Dialog, Begegnung und politische Meinungsbildung.
Heimatverein Budaörs gestaltet Gedenkmarsch anlässlich der Vertreibung
In Bretzfeld erinnerte der Heimatverein Budaörs an die Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren. Der Gedenkmarsch, organisiert vom Heimatverein Budaörs in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, begann bewusst am Bahnhof – jenem Ort, der für viele Vertriebene Ankunft, Hoffnung und schmerzhafte Erinnerung zugleich symbolisiert.
Szenische Darstellungen der Deutschen Bühne Ungarn
Rund 150 Gäste nahmen an dieser Gedenkveranstaltung teil. Die Vereinsvorsitzende Theresia Mann fand eindringliche Worte für das Schicksal ihrer Vorfahren: Gedemütigt, enteignet und entwurzelt seien die Menschen gewesen, oft mit kaum mehr als einem Koffer, gewaltsam in Viehwaggons verfrachtet. Bürgermeister Martin Piott schlug den Bogen in die Gegenwart. Erinnerung müsse bewahrt werden, zugleich seien Toleranz und ein gutes Miteinander heute wichtiger denn je.
besondere Gäste bei einem Podiumsgespräch: Helmut Nohanowitsch (Bretzfelder Pfarrer i.R.), Martin Piott (Bürgermeister von Bretzfeld), Hartmut Frank (über 40 Jahre Ortsbeauftragter der Gemeinde Bretzfeld), Moderatorin Theresia Mann (v.l.n.r.)
Besonders bewegend waren die persönlichen Berichte. Harald Milbich schilderte den Bahnhof als Ort der Sorge und Ungewissheit, wie ihn seine Eltern erlebt hatten. Historische Perspektiven ergänzten weitere Beiträge, darunter Irene Sadzio vom Budaörser Heimatverein in Bretzfeld sowie Kathi Gajdos-Frank vom Jakob-Bleyer-Museum in Budaörs.
Schülerinnen und Schüler der Nationalitätengrundschule in Budaörs bei ihrer Präsentation
Ein Gedenkmarsch führte die Teilnehmer zum ehemaligen Schulhaus, einst erste Notunterkunft einiger vertriebener Budaörser. Frauen und Männer in ungarndeutscher Tracht trugen alte Koffer – ein stilles, eindrucksvolles Bild für Verlust und Neubeginn.
Im Museum selbst sorgten kulturelle Beiträge für einen weiteren emotionalen Höhepunkt. Unter anderem präsentierte die Deutsche Bühne Ungarn aus Szekszárd das literarische Bühnenstück „Gegen das Vergessen“, Schüler der Nationalitätengrundschule Budaörs stellten eine Bilderpräsentation über ihr Schulprojekt „80 Jahre Vertreibung“ vor.
Veranstalter und Mitwirkende des Gedenktages – 4. v.l.: Zeitzeugin Elisabeth Deininger
Tief berührte die Anwesenheit der Zeitzeugin Elisabeth Deininger. Sie berichtete von der sechstägigen Fahrt im Viehwaggon, der Ankunft in Öhringen und dem schwierigen Neubeginn in Bretzfeld. Trotz aller Härten fand sie hier eine neue Heimat – ein Zeugnis von Leid, aber auch von menschlicher Stärke und Versöhnung.
v.l.n.r.: Paul Nägl, Josef Jerger, Siegfried Liebel, Sandra Perić, Joschi Ament, Jürgen Harich
75 Jahre Donaudeutsche Landsmannschaft in Rheinland-Pfalz – Festakt in Dannstadt
Am 28. Januar 1951 wurde die Donaudeutsche Landsmannschaft in Rheinland-Pfalz in Neustadt gegründet. Ziel war es, den aus der Heimat vertriebenen Landsleuten in der neuen Umgebung beizustehen, sie zu sammeln, bei Behördengängen zu unterstützen und Gemeinschaft zu schaffen. Im Laufe der Jahre entwickelten sich daraus zahlreiche Treffen, kulturelle Veranstaltungen sowie die beliebten Landestrachtenfeste in Neustadt, Ludwigshafen und Mutterstadt.
Dieses 75-jährige Bestehen wurde am 1. Februar 2026 mit einem feierlichen Festakt in Dannstadt begangen. Nach der musikalischen Eröffnung begrüßte der Landesvorsitzende Paul Nägl die Gäste und ging auf die Entwicklungsgeschichte der Landsmannschaft in Rheinland-Pfalz ein.
Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Deutschen aus Ungarn, bei seinem Grußwort
Den Reigen der Grußworte eröffnete Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn. In seiner Festrede erinnerte er an die Vertreibung der Ungarndeutschen vor 80 Jahren und betonte die Bedeutung von Versöhnung, Zusammenhalt und Erinnerung. Zugleich hob er die Rolle der Donaudeutschen als Brückenbauer zwischen Deutschland und den Herkunftsregionen hervor und rief dazu auf, die Geschichte an die junge Generation weiterzugeben.
Weitere Grußworte überbrachten Stefan Veth, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Dannstadt-Schauernheim, Bernd Knöppel, Bürgermeister von Frankenthal, sowie Johannes Zehfuß, Mitglied des Landtages von Rheinland-Pfalz. Jürgen Harich, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Donauschwaben und gleichzeitig Präsident des Weltdachverbandes, gab zum Abschluss der Grußworte wertvolle Impulse für eine gemeinsame Zukunft der Volksgruppe der Donauschwaben.
Landesvorsitzender Paul Nägl (links) und Ehrenmitglied Josef Jerger (rechts)
Ein Höhepunkt der Jubiläumsfeier war die Ehrung des langjährigen Vorsitzenden Josef Jerger, der für sein Lebenswerk zum Wohle des Landesverbandes zum Ehrenmitglied ernannt wurde.
Kulturell umrahmt wurde die Feier von der donaudeutschen Tanz- und Trachtengruppe aus Speyer, die schwungvolle Akzente einer gelebten Kultur- und Brauchtumspflege setzte. Mit der Volkshymne der Donauschwaben fand der offizielle Teil seinen Abschluss, bevor der Landesverband zu einem Stehempfang einlud.
Die Jubiläumsveranstaltung war harmonisch, würdig und ein starkes Zeichen gelebter Gemeinschaft in Rheinland-Pfalz.
Zahlreiche Ehrengäste am Rande der Gedenkveranstaltung: Erich Gscheidle (LDU), Hartmut Liebscher (BdV-BW), Dr. Dezső Szabó, Maresa Huber mit Tochter (LDU), Joschi Ament, Ibolya Hock-Englender, Thomas Blenke | MdL, Dr. András Izsák, Jürgen Harich (LM der Donauschwaben) – v.l.n.r.: Foto: Freistädter
Gedenkveranstaltung in Stuttgart
Am 24. Januar 2026 fand im ehrwürdigen Kursaal in Stuttgart-Bad Cannstatt eine Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen statt. Initiiert wurde diese vom Ungarischen Kulturinstitut Stuttgart sowie vom Generalkonsulat von Ungarn in Stuttgart. Das Gedenken reihte sich in die Programme des Ungarischen Staates ein, die bereits am 19. Januar in Budaörs (Ungarn) sowie in München stattgefunden hatten.
Als Ehrengäste nahmen die beiden Bundesvorsitzenden, Joschi Ament für die LDU in Deutschland und Ibolya Hock-Englender für die LdU in Ungarn, teil. Die Moderation übernahm Institutsleiter Dr. Dezső Szabó. Grußworte sprach der Generalkonsul von Ungarn in Stuttgart, Dr. András Iszák. Die Festreden hielten Staatssekretär Thomas Blenke, MdL, für Baden-Württemberg sowie der stellvertretende Staatssekretär im Amt des ungarischen Ministerpräsidenten, Dr. Zoltán Fürjes.
In seiner Ansprache erinnerte Joschi Ament an das Schicksal der rund 32.000 nach Russland verschleppten sowie über 200.000 vertriebenen Ungarndeutschen. Hinter den Zahlen stünden unzählige menschliche Tragödien. Erinnerung sei Verantwortung und Grundlage für Frieden und Versöhnung.
Ibolya Hock-Englender ergänzte das historische Gedenken mit persönlichen Bildern aus ihrer Familiengeschichte. Sie schilderte Abschiede am Bahnhof, verlassene Gräber in den Heimatdörfern und kleine Alltagsmomente, die den Verlust symbolisieren. Solche Erinnerungen gäben den geschichtlichen Fakten ein menschliches Gesicht und mahnten, das geistige Erbe der Vorfahren zu bewahren und an kommende Generationen weiterzugeben.
Besonders betont wurde die Bedeutung Baden-Württembergs als neue Heimat vieler Vertriebener nach 1946 sowie Stuttgart als Ort der Verkündung der Charta der deutschen Heimatvertriebenen im Jahr 1950 – ein Zeichen für Verzicht auf Rache und für ein geeintes Europa.
Die Veranstaltung setzte wie bereits die vorausgegangenen Gedenkfeiern ein starkes Zeichen des gemeinsamen Erinnerns und der grenzüberschreitenden Versöhnung.
v.l.n.r.: Gregor Gallai, Miklós Soltész, Ibolya Hock-Englender, Bernd Fabritius, Joschi Ament
Gedenkkonferenz zum 80. Jahrestag der Vertreibung der Ungarndeutschen
Anlässlich des 80. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen fand in Budapest im Zentralgebäude der Ungarischen Akademie der Wissenschaften die Gedenkkonferenz „Nie wieder!“ statt. Ziel der Veranstaltung war es, würdiges Gedenken mit einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung zu verbinden und zugleich die Verantwortung der Gegenwart zu betonen.
Die feierliche Eröffnung gestaltete die Jugendblaskapelle aus Sóskút und setzte damit ein Zeichen für die kulturelle Kontinuität der ungarndeutschen Gemeinschaft.
Ibolya Hock-Englender
Tamás Freund
In den Grußworten unterstrichen Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, sowie Tamás Freund, Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die Bedeutung von Erinnerung, Wissenschaft und historischer Verantwortung.
Miklós Soltész
Bernd Fabritius
Miklós Soltész, Staatssekretär für Kirchen- und Nationalitätenangelegenheiten, und Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, würdigten die Standhaftigkeit der ungarndeutschen Gemeinschaft und erinnerten daran, dass sich hinter allen Zahlen menschliche Schicksale verbergen. Trotz Verfolgung und Entrechtung sei es der Gemeinschaft gelungen, ihre Identität, Kultur und Institutionen zu bewahren.
Joschi Ament
Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, betonte, dass Vertreibung kein abgeschlossenes historisches Ereignis sei, sondern bis heute in Familienerinnerungen fortwirke. Die Zusammenarbeit zwischen Landsmannschaft und Landesselbstverwaltung verstehe er als bewusste Antwort auf die Geschichte und als Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.
Die zahlreichen Fachvorträge beleuchteten Ursachen, Verlauf und Folgen von Vertreibung und Zwangsarbeit ebenso wie Neuanfang, Integration und Erinnerungskultur in europäischer Perspektive. Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie eine jüngere Forschergeneration sorgten für eine differenzierte, fundierte Auseinandersetzung.
Die Konferenz machte deutlich: „Nie wieder“ ist kein bloßer Rückblick, sondern ein Auftrag für Gegenwart und Zukunft.
Zu den Vorträgen:
Die Vorträge am Vormittag widmeten sich den grundlegenden historischen Prozessen und ihren Voraussetzungen. László Schindler ging in seinem Vortrag „Was weiß man allgemein über den Prozess? Was beinhalten die Geschichtsbücher?“ der Frage nach, wie der Vertreibungsprozess im öffentlichen Wissen und in Schulbüchern präsent ist. Beata Márkus analysierte in ihrem Videobeitrag „Die Verschleppung der Ungarndeutschen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion 1944/45” die Deportationen sowie deren langfristige Folgen. László Orosz beleuchtete mit „Flucht und Evakuierung 1944. Die Phase vor der ‚kollektiven Bestrafung‘” die Vorgeschichte der Zwangsmigration. Nach der Kaffeepause ordnete Zsolt Vitári das Thema mit „Moderne Völkerwanderung – Flucht und Vertreibung in Europa in den 1940er Jahren” in einen gesamteuropäischen Kontext ein. Agnes Tóth untersuchte in ihrem Vortrag „Zwang oder Möglichkeit? Die Akzeptanz des Prinzips der Kollektivschuld im Bezug auf die Ungarndeutschen” die ideologischen Grundlagen der Vertreibung. Georg Ritter zeigte in „Die Vertreibung der Deutschen aus Schaumar 1944–1948” lokale Dimensionen der Ereignisse auf, während Peter Schweininger mit „Wie verlief die Vertreibung in Saar?” einen weiteren kommunalen Vergleich vorstellte.
Die Vorträge am Nachmittag richteten den Blick auf die Zeit nach der Vertreibung, auf Neuanfang, Integration und Erinnerung. Kristina Kaltenecker stellte in „Der Neuanfang in Westdeutschland: Ungarndeutsche Siedlungen am Rande Darmstadts (in Hessen)” Integrationsprozesse in der Bundesrepublik vor. Csilla Schell analysierte in „‚Also sind wir so schnell nach Deutschland gekommen‘ – Neuanfang nach Vertreibung im Spiegel von Ego-Dokumenten” persönliche Zeugnisse der Betroffenen. Nora Tóth-Rutsch stellte den Neuanfang der Vertriebenen in der sowjetischen Besatzungszone vor. András Morauszki führte die Diskussion mit „Die Identität der Deutschen in Ungarn heute im Spiegel der Volkszählung” in die Gegenwart. Den Abschluss bildete Maria Erb mit ihrem Vortrag „‚Nie wieder‘ – Gedenkstätten der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen”, der Erinnerungskultur und historische Verantwortung zusammenführte.
Die besondere Bedeutung der Konferenz lag in der Vielfalt und fachlichen Tiefe der Vortragenden: Renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, erfahrene Hochschullehrende, Archivfachleute sowie eine jüngere Generation von Forscherinnen und Forschern traten in einen gemeinsamen Dialog. Diese Breite an Perspektiven gewährleistete eine differenzierte, wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ungarndeutschen.
Einen sensiblen kulturellen Akzent setzte der Auftritt des Holczinger-Molnár-Duos, dessen Volksliedprogramm aus Sammlungen aus Sitsch und Totwaschon das Gedenken auf eindrucksvolle Weise musikalisch erfahrbar machte.
In den Schlussworten der Konferenz wurde betont, dass „Nie wieder“ nicht nur eine historische Aussage, sondern eine Verpflichtung der Gegenwart ist. Erinnerung, Wissen und Dialog sind unverzichtbar, um zu verhindern, dass sich die Tragödien der Vergangenheit wiederholen.
Veranstaltet wurde die von der Regierung Ungarns geförderte Konferenz von der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen. Die Veranstaltung trug wesentlich dazu bei, die Geschichte der Vertreibung der Ungarndeutschen als wissenschaftlich reflektierte, gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.
Über die Vortragenden:
László Schindler Gymnasiallehrer für Geschichte und Deutsch sowie langjähriger Leiter des deutschen Nationalitätenklassenzugs am Lovassy-László-Gymnasium in Wesprim. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der Geschichte der Ungarndeutschen im Schulunterricht.
Beata Márkus Historikerin und Leiterin der Stiftungsprofessur für Deutsche Geschichte und Kultur in Südostmitteleuropa an der Universität Pécs. Sie forscht zur Zwangsarbeit, Migration und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.
László Orosz Historiker mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Deutschen im Karpatenbecken. Seine Arbeiten befassen sich unter anderem mit Flucht, Evakuierung und Radikalisierungsprozessen im 20. Jahrhundert.
Zsolt Vitári Habilitierter Dozent und Leiter des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Universität Pécs. Er ordnet die Geschichte der Ungarndeutschen in europäische und vergleichende Zusammenhänge ein.
Agnes Tóth Forschungsprofessorin am Institut für Minderheitenforschung der ELTE und eine der renommiertesten Expertinnen zur Geschichte der Ungarndeutschen und zur Vertreibung nach 1945.
Georg Ritter Hauptarchivar im Ungarischen Nationalarchiv. Seine Forschung verbindet lokale Vertreibungsgeschichten mit Fragen der Erinnerungskultur.
Peter Schweininger Historiker und Träger des Otto-Heinek-Preises 2024. Er untersucht vergleichend die lokalen Abläufe der Vertreibung der Ungarndeutschen.
Kristina Kaltenecker Historikerin und Co-Redakteurin des Suevia Pannonica Archivs. Seit Jahrzehnten forscht sie zur Geschichte und Kultur der Ungarndeutschen in Ungarn und Deutschland.
Csilla Schell Historikerin und Mitarbeiterin des Instituts für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Ego-Dokumente und persönliche Zeugnisse von Vertriebenen.
Nora Tóth-Rutsch Doktorandin an der Universität Pécs und Lehrerin am Valeria-Koch-Bildungszentrum. Sie forscht zur Integration der Vertriebenen in den Besatzungszonen nach 1945.
András Morauszki Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Minderheitenforschung der ELTE. Er analysiert die heutige Identität der Deutschen in Ungarn anhand von Volkszählungsdaten.
Maria Erb Habilitierte Dozentin des Germanistischen Instituts der ELTE. Ihre Arbeiten verbinden Dialektologie, Sprachwissenschaft und Erinnerungskultur der Ungarndeutschen.
v.l.n.r.: Frank-Walter Steinmeier mit Ehefrau Elke Büdenbender, Olivia Schubert (LdU in Ungarn), Alfred Freistädter (LDU in Deutschland)
Am 19. Januar 2026 fand auch in München eine zentrale Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen statt.
In würdigem Rahmen wurde der hunderttausenden Männer, Frauen und Kinder gedacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg entrechtet, zur Zwangsarbeit deportiert oder aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Das Gedenken machte deutlich, dass dieses Kapitel der Geschichte bis heute auch in der Bundesrepublik Deutschland nachwirkt.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier
Besondere Bedeutung erhielt die Veranstaltung durch die Festreden des ungarischen Staatspräsidenten Dr. Tamás Sulyok sowie des deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Ihre Anwesenheit unterstrich die gemeinsame Verantwortung Ungarns und Deutschlands für Erinnerung, Anerkennung des erlittenen Leids und eine lebendige europäische Erinnerungskultur.
Staatspräsident Dr. Tamás Sulyok
Einen zentralen Akzent setzte Olivia Schubert, Vizevorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen (LdU in Ungarn). In ihrer Rede erinnerte sie daran, dass die Vertreibung der Ungarndeutschen kein abstraktes historisches Ereignis war, sondern ein konkreter, brutaler und zutiefst persönlicher Einschnitt. Sie schilderte, wie Vertreibung mit Listen, Befehlen und wenigen Stunden Vorbereitungszeit begann – und wie Abschied, Sprachverlust und der Bruch familiärer Lebenswege viele Familien bis heute prägen. Auch ihre eigene Familiengeschichte stehe für dieses stille, oft nur im Privaten weitergegebene Erinnern.
Olivia Schubert
„Gedenken bedeutet für die Ungarndeutschen mehr als Rückschau. Es ist ein Akt der Würde und der Anerkennung von Unrecht“, so Schubert. Zugleich verwies sie auf den Weg der Gemeinschaft nach 1946: auf Wiederaufbau, innere Stärke und die Bewahrung von Sprache und Kultur. Heute leben die Ungarndeutschen als anerkannte nationale Minderheit in Ungarn mit politischer Teilhabe, Bildungsinstitutionen und einem vielfältigen Vereinsleben.
Die Gedenkveranstaltung in München war damit nicht nur Erinnerung, sondern auch Mahnung und Auftrag: für Minderheitenschutz, Dialog und ein Europa, in dem Vertreibung und Ausgrenzung keinen Platz mehr haben.
(Fotos: Alfred Freistädter)
Die Gedenkveranstaltung wurde von Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des Deutschen Ostens, organisiert und moderiert. In die Vorbereitung war auch der Landesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU) in Bayern, Georg Hodolitsch, eingebunden.
Zahlreiche hochrangige Vertreter aus Politik, Gesellschaft und den Landsmannschaften der Deutschen aus Ost- und Südostmitteleuropa nahmen an der Veranstaltung teil. Neben der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn (LDU), Landesverband Bayern, waren unter anderem Repräsentanten der Banater Schwaben, Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen, Schlesier sowie der Ost- und Westpreußen anwesend. Die starke Beteiligung unterstrich die übergreifende Bedeutung des Gedenkens und die Verbundenheit der Gemeinschaften.
v.l.n.r.: Georg Hodolitsch, Jürgen Harich (Bundesvorsitzender der Donauschwaben), Olivia Schubert, Tamás Szalay (Direktor des DZM in Ulm
Einen besonders bewegenden Abschluss bildete das Zeitzeugengespräch mit der 92-jährigen Anna Hahn, geb. Stammler. Sie schilderte eindrucksvoll ihre persönlichen Erfahrungen von Vertreibung, Flucht und Wiederbeheimatung in Bayern. Ihre Erinnerungen machten deutlich, wie tief die historischen Ereignisse bis heute in den Lebensgeschichten der Betroffenen und ihrer Familien nachwirken.
Die im Rahmen der Gedenkfeier am 19. Januar in Wudersch gehaltenen Reden verband eine gemeinsame Botschaft: die Verpflichtung, die Tragödien der Vergangenheit zu erinnern, zu verstehen und an kommende Generationen weiterzugeben. Die Redner machten deutlich, dass die auf dem Prinzip der Kollektivschuld beruhenden Repressalien zehntausende unschuldige Menschen trafen, Familien zerrissen und ganze Gemeinschaften entwurzelten.
Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, betonte, dass Verschleppung und Vertreibung kein abgeschlossenes historisches Ereignis seien, sondern ein über Generationen fortwirkendes Trauma. Hinter den nüchternen Zahlen – zehntausenden nach Russland Verschleppten und rund 220.000 Vertriebenen – stünden individuelle Schicksale, verlorene Heimat und Wunden, die niemals ganz verheilen. Erinnerung bedeute daher nicht Rückwärtsgewandtheit, sondern eine moralische Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.
Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, sprach aus der Perspektive persönlicher und kollektiver Erinnerung. Anhand der Geschichte ihrer eigenen Familie machte sie deutlich, dass Vertreibung nicht nur den Verlust von Haus und Hof, sondern auch von Gräbern, Heimat und Gemeinschaft bedeutete. Erinnerung werde erst dann vollständig, wenn historische Fakten und persönliche Erfahrungen zusammengeführt werden. Sie betonte, dass die Zukunft der ungarndeutschen Gemeinschaft davon abhänge, Verantwortung für Identität und Weitergabe zu übernehmen.
Parlamentspräsident László Kövér bezeichnete die Vertreibung der Ungarndeutschen als eine der erschütterndsten Zäsuren der tausendjährigen deutsch-ungarischen Gemeinschaft und verwies auf historische Versäumnisse des ungarischen Staates. Gedenken müsse stets mit Verantwortung verbunden sein – gerade angesichts heutiger Vertreibungen weltweit. Der Schutz von Heimat und Identität sei eine bleibende moralische und politische Aufgabe.
Gedenken an die Verschleppung und Vertreibung der Ungarndeutschen in Wudersch/Budaörs
Am 19. Januar wurde in Wudersch (Budaörs) des vor 80 Jahren begonnenen wohl tragischsten Schicksalskapitels der Ungarndeutschen – ihrer Verschleppung und Vertreibung – gedacht. Der Ort der zentralen Gedenkfeier war bewusst gewählt: Am 19. Januar 1946 verließ hier der erste Zug den Bahnhof, der unschuldige Ungarndeutsche zwang, ihre Heimat zu verlassen.
Die von der Regierung Ungarns organisierte Gedenkveranstaltung brachte Vertreter des Staates, der ungarndeutschen Selbstverwaltung, der Vertriebenenorganisationen sowie zahlreiche Gäste zusammen, die mit ihrer Anwesenheit ihr Bekenntnis zur historischen Gerechtigkeit und zur Kultur des Erinnerns zum Ausdruck brachten – sowohl im weltlichen als auch im kirchlichen Rahmen.
Die staatliche Gedenkfeier begann auf dem Alten Friedhof von Wudersch am Nationalen Denkmal für die Vertreibung der Ungarndeutschen. Dort wurden unter feierlichen und militärischen Ehren Kränze niedergelegt. Kränze legten u.a. László Kövér, Präsident des Ungarischen Parlaments, Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, sowie Emmerich Ritter, Parlamentsabgeordneter der Ungarndeutschen, nieder.
Im Anschluss fand ein deutschsprachiger Gottesdienst in der St.-Johann-von-Nepomuk-Kirche statt.
Die Gedenkveranstaltung machte deutlich, dass der 19. Januar weit über ein historisches Datum hinausgeht: Er verbindet persönliche Schicksale mit dem nationalen Gedächtnis und mahnt, dass Minderheitenschutz, gegenseitiger Respekt und friedliches Zusammenleben keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern immer wieder neu bekräftigt werden müssen.