„Mit dem Zug ins Ungewisse“

Maria Ganski aus Edeck/Etyek erinnert sich an die Vertreibung aus ihrer Heimat vor 75 Jahren

In der Chronik der Stadt Heilbronn, die nahezu alle wichtigen Ereignisse der Stadtgeschichte fast Tag für Tag auflistet, steht kein Wort zu den 1.000 Menschen, die am 31. März 1946 in Viehwaggons in Heilbronn ankamen. Das Stadtarchiv verfügt über keine zeitgenössischen Quellen. Heimatbücher und die Betroffenen selbst halten die Erinnerung hoch – vor allem in ihren Landsmannschaften.

Plötzlich geht das Schiebetor auf, und irgendjemand ruft: „Endstation!“ Maria Ganski kann sich noch gut erinnern, wie sie mit ihrer Familie am 31. März 1946, also vor 75 Jahren, am Heilbronner Hauptbahnhof eintrifft. „In Viehwaggons, eng zusammengepfercht, lauter Heimatvertriebene.“

Nach drei Wochen Zugfahrt über Budapest und Wien weiter Richtung Westen durch Hitlers zerbombtes Tausendjähriges Reich. „Durch einen Luftschlitz sah ich alles wie im Kino vor mir ablaufen.“

Fünf Tage lang muss die damals Siebenjährige mit Eltern, Oma und Opa, Onkel Anton, Tante Barbara sowie deren Kindern Anton und Maria mit 1.000 anderen Ungarndeutschen in der Ruinenstadt ausharren. Dann werden alle auf Gemeinden im Unterland verteilt.

Maria Ganski ist am 17. Februar 82 Jahre alt geworden. Sie hat ihren schön gelegenen Heimatort zwischen Hügeln, Weinbergen und Feldern nach so vielen Jahren immer noch bildhaft vor Augen – und die Geschehnisse vom März 1946.

Heute sitzt Maria Ganski, geborene Bürger, in der guten Stube ihres Reihenhauses in der Heilbronner Südstadt. Auf dem Tisch stapeln sich Bücher, Zeitungsausschnitte, Redemanuskripte, dort liegen zwei antiquarische Gebetsbücher, da der Pass ihrer Großmutter Maria. Eine mit Dutzenden Fotos bestückte Wand gleicht einer Familiengalerie. In einer Ecke sitzen in Trachten gepackte Puppen. Das Ganze erinnert an ein kleines Heimatmuseum. Die eloquente Dame zeigt auf eine Tonskulptur. „Das ist unsere Kirche von Edeck.“

Dann zaubert sie ein Schmuckstück hervor: den Ehering ihres Mannes. Ein Silberschmied hat ihn mit Details in rot-weiß-grün verziert, Ungarns Nationalfarben. „So schlägt mein Herz“, sagt die 82-Jährige. „Aber mein Kopf steht für Schwarz-Rot-Gold: Einigkeit und Recht und Freiheit.“

Maria Ganski hat Tränen in den Augen.

 

Quelle: Heilbronner Stimme, 30. März 2021, Kilian Krauth

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