„Die Vertreibung der Ungarndeutschen“

Virtuelle Gedenkveranstaltung am 19. Januar 2021 zur ungarndeutschen Geschichte in Stuttgart

Das Ungarische Kulturinstitut in Stuttgart hat 2018 mit dieser Veranstaltungsreihe eine neue Tradition ins Leben gerufen und erinnert auch dieses Jahr an die Vertreibung der Ungarndeutschen aus Ungarn. Mehr als 200.000 Deutsche sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ungarn vertrieben worden, wodurch Ungarn ein Stück seiner ungarndeutschen Identität verlor.

Die Einführung eines offiziellen Gedenktags am 19. Januar für die vertriebenen Ungarndeutschen, die vom ungarischen Parlament initiiert wurde, ist eine wohlwollende Geste der Versöhnung in Europa. Im Jahr 2021 kann unsere Gedenkveranstaltung coronabedingt leider nicht als Präsenzveranstaltung durchgeführt werden, doch wollen wir mit dieser schönen Tradition nicht brechen und bieten Ihnen das Programm daher im virtuellen Raum an.

 

Eröffnung

Dr. Dezső B. Szabó, Leiter des Ungarischen Kulturinstituts in Stuttgart

Grußworte

Dr. András Izsák, Generalkonsul von Ungarn in Stuttgart

Joschi Ament, Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn

Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen

Rede

Miklós Soltész, Staatssekretär für Kirchen, Minderheiten und zivile Angelegenheiten

Im Anschluss: Kulturprogramm

Wir präsentieren den Film des ungarischen Regisseurs Tamás Gábeli mit dem Titel „Endgültig ausgewiesen” (Végleg kitiltva) ca. 60 Minuten

Die Veranstaltung ist auf unseren digitalen Kanälen sowie über den am Vortag zugesendeten Link zu erreichen.

Anmeldung über: uki-s@uki-s.de

 

Virtuelle Gedenkveranstaltung am 19. Januar 2021 für die vertriebenen Ungarndeutschen in München

Das Generalkonsulat von Ungarn in Bayern und das Haus des Deutschen Ostens möchten auch unter den gegenwärtigen besonderen Umständen den Gedenktag für die vertriebenen Ungarndeutschen begehen.

Aus diesem Anlass wird der Film „Ewiger Winter” online präsentiert.

Am Gedenktag werden wir Videobotschaften von den folgenden Persönlichkeiten auf unserer Facebook-Seite teilen:

 

Gábor Tordai-Lejkó, Generalkonsul von Ungarn in Bayern

Prof. Dr. Andreas Otto Weber, Direktor des Hauses des Deutschen Ostens

Dr. Dr. h.c. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten

Sylvia Stiertorfer, Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für Aussiedler und Vertriebene

 

Der Film in Originalsprache mit deutschem Untertitel wird vom 19. Januar, 12:00 Uhr bis 24. Januar, 24:00 zugänglich sein. Dafür ist eine vorherige Anmeldung per E-Mail unter einladung-muenchen@mfa.gov.hu bis zum 18. Januar 2021 nötig. Danach bekommen Sie einen Link und einen Kode von uns zugeschickt, die Ihnen den Zugang zum Film ermöglichen werden.

„Wir wollen dem Andenken von Otto Heinek eine ständige Präsenz verleihen“

Gedenkstätte zu Ehren des verstorbenen Vorsitzenden der LdU in Ungarn eingeweiht

Eine Installation – bestehend aus einer dreiteiligen Statue, einer Bank und einem Rosmarinstrauch – verschönert zukünftig den Hof der Geschäftsstelle der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen in Budapest. Am 6. September wurde die zu Ehren des 2018 verstorbenen Vorsitzenden der LdU, Otto Heinek angelegte Gedenkstätte im Rahmen einer bescheidenen Gedenkfeier, nur in Anwesenheit der Mitglieder der Familie Heinek und der LdU-Vollversammlung, sowie im Beisein von Mitarbeitern und Freunden des gewesenen LdU-Chefs eingeweiht. Gedenkansprache hielt die derzeitige Vorsitzende der Landesselbstverwaltung.

In der Mitte eine ecce-homo-artige Männergestalt, links davon ein Schutzengel, und auf der rechten Seite eine Pflanze der Pietät: Das Standbild gestaltete der in Nadasch lebende und schaffende ungarndeutsche Bildhauer Anton Dechandt aus Weingartenpfähle, die er vor einigen Jahren von Otto Heinek persönlich für seine künstlerischen Zwecke geschenkt erhalten hatte.

„Das Kunstwerk soll uns sagen, dass er – die Männergestalt in der Mitte der Skulptur – durch sein geistiges Erbe uns immer wie ein Schutzengel beisteht und uns dazu verpflichtet, die Pflanze – das Ungarndeutschtum -, die er sorgenvoll gepflegt hat, immer wieder neu sprießen zu lassen“, betonte in ihrer Gedenkansprache Ibolya Hock-Englender, Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen.

„Mit ungeheurer Energie, mit Pflichtbewusstsein, Können, Weisheit und Ausgeglichenheit bahnte er den Weg der in Ungarn lebenden deutschen Gemeinschaft“, zitierte LdU-Chefin Hock-Englender Gedanken der damaligen Abschiedszeremonie. „Unter seiner Leitung erstarkten die deutschen Selbstverwaltungen und Zivilorganisationen landesweit, gewannen die Bildungseinrichtungen an Eigenverantwortung, während seiner Amtszeit verankerte die Landesselbstverwaltung ihre Ziele in einer Strategie, und auch die Kontakte mit anderen Nationalitäten, sowie mit den deutschen Minderheiten der anderen Länder wurden intensiviert. Für seinen mühevollen Einsatz für die Nationalitäten Ungarns durfte er 1999 das Offizierskreuz des Verdienstordens der Republik Ungarn, 2004 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland entgegennehmen. In seiner Person vereinten sich Nationalitätenpolitiker, Fachmann und Mensch, der für uns immer da war. Begeisterter, tatkräftiger, aber auch nüchterner, strenger und kritischer Leiter – so kannten Otto alle, die im Kontakt mit ihm standen. Sein Wort zählte überall – so im Inland wie im Ausland. Inspirierende Gespräche, Weisheiten, die sich ein Leben lang einprägten, ganz viel Empathie und noch mehr Humor – wir alle, die wir Otto Heinek persönlich kannten, werden ihn so in Erinnerung behalten.“

Quelle: www.ldu.hu

„Niemand hat das Recht von uns zu verlangen, dass wir vergessen“

Vor 75 Jahren wird die Vertreibung der Ungarndeutschen beschlossen

Landesgedenkstätte zur Erinnerung an die Vertreibung der Ungarndeutschen in Elek

Was sich über Monate hinweg angekündigt hatte, wurde anlässlich der Sitzung der Ungarischen Übergangsregierung vom 22. Dezember 1945 in Debrecen beschlossen und mit der Regierungsverordnung Nr. 12.330/1945 M.E. vom 29. Dezember 1945 im ungarischen Staatsanzeiger unter Nr. 211 veröffentlicht. Die Rede ist von der Vertreibung der Ungarndeutschen.

Drei Wochen später – am 19. Januar 1946 – begann dann in der Budapest nächst gelegenen 10.000 Einwohner zählenden Gemeinde Budaörs offiziell das wohl einschneidendste Ereignis in der Geschichte der Ungarndeutschen.

Die Ereignisse in Budaörs verdienen in jeder Beziehung die Bezeichnung „Vertreibung“, denn die zuerst ins Auge gefassten Familien wurden in einer Nacht- und Nebelaktion durch Klopfen und Poltern der Polizei an den Fenstern und Türen buchstäblich aus ihren Betten geholt.

Mit dem Allernötigsten in Bündeln wurden sie dann zum Gemeindehaus gejagt und von dort bei Tagesanbruch zum Bahnhof getrieben und in die bereitstehenden Viehwaggons gepfercht. Noch am gleichen Tag rollte der erste Transport in Richtung Westen ab.

In der Zeit vom 19. Januar 1946 bis Dezember 1946 wurden etwa 170.000 Ungarndeutsche nach Deutschland in die amerikanische Besatzungszone vertrieben. Im Zeitraum vom August 1947 bis Juni 1948 sollten nochmals knapp 50.000 Ungarndeutsche folgen, die in die sowjetische Besatzungszone abgeschoben wurden.

Etwa 200.000 Ungarndeutsche, von denen etwa 60.000 für Jahre zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert worden waren, blieben zurück in Ungarn.

Die veröffentlichte Vertreibungsverordnung vom 29.12.1945

Dabei geben diese Zahlen nur ein gefühlloses statistisches Bild der Tragödie wider. Sie sagen nichts über das Leid, die Verzweiflung, die Not der Unglücklichen, aus ihren Häusern gejagt, ihrer Habe beraubt und erniedrigt.

Die Entrechtung und Vertreibung traf diese Menschen bis an die Wurzel ihrer Existenz. Ihre Familien, ihre Gemeinden, ihre Siedlungsgebiete und ihre Organisationen wurden aufgelöst, ihr Vermögen geraubt, ihre Einrichtungen zerschlagen. Rechtlos und diskriminiert blickten sie in eine ungewisse Zukunft.

Zu all diesen Entbehrungen und Schikanen kam noch die Wochen und Monate währende Ungewissheit über den Umfang der Vertreibung: wer muss gehen, wer darf bleiben?

Wer zählt die Tränen, wer misst den Kummer, wer vermag das Leid, den Gram und den Schmerz mit gebührenden Worten zu schildern, der die Herzen jener Frauen und Männern erfüllte, als sie sich von dem loslösen mussten, was sie sich Jahre, vielleicht Jahrzehnte lang durch viel Mühe und harte Arbeit erwirtschaftet hatten, und das nicht zuletzt deshalb ihre Heimat war.

Als Enkel nach Baden-Württemberg vertriebener Ungarndeutschen weiß ich nur aus Erzählungen, wie mühevoll und entbehrungsreich der Neubeginn meiner Familie und meiner Landsleute in der Fremde, in einem zerstörten Deutschland war.

Umso wichtiger ist es für mich, dass wir die Erinnerung wachhalten und vor dem Vergessen bewahren – und auch künftig von unserem Schicksal erzählen werden.

Dass die Aussiedlung der Schwaben – so der beschönigende amtliche Sprachgebrauch – nicht – wie in Ungarn jahrzehntelang offiziell dargestellt – eine Folge der Beschlüsse der Potsdamer Konferenz war, belegen die heute zugänglichen Quellen in den ehemaligen Geheimarchiven.

Abgesehen davon: in Ziffer XII des geschlossenen Potsdamer Abkommens stand, dass „die Überführung der deutschen Bevölkerungselemente geordnet und human“ gehen soll.

Ich frage mich dabei: wie können eigentlich Haus und Hof, das Dorf, ja die Heimat, in humaner Weise weggenommen werden?

Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering, damals Präsident des Europäischen Parlaments, zitierte anlässlich seiner Rede zum Tag der Heimat 2007 in Berlin den Brückenbauer und Erzbischof von Oppeln Alfons Nossol, der einmal sagte: „Niemand hat das Recht von uns zu verlangen, dass wir vergessen. Der Wille zu vergeben und der Wille zu vergessen, sind nicht das Gleiche.“ Erinnerung, Vergebung und Versöhnung gehören zusammen.

Und Frau Dr. Katalin Szili, damalige ungarische Parlamentspräsidentin, sprach anlässlich der Gedenkkonferenz zum 60. Jahrestag der Vertreibung im Ungarischen Parlament: „Deshalb können die Wunden erst geheilt werden, wenn die Schrecken ausgesprochen, die Verantwortlichen namhaft gemacht, und die Opfer um Verzeihung gebeten werden.“

Der 75. Jahrestag der Vertreibung gibt uns einen besonderen Anlass, an diese schändlichen Ereignisse zu erinnern, die unseren Eltern und Großeltern widerfahren sind.

Der 75. Jahrestag gibt uns aber auch die Möglichkeit, uns für Verständigung, gegenseitige Akzeptanz und Toleranz der Menschen untereinander einzusetzen – über Grenzen hinweg, in einem vereinten Europa – vom Kleinen bis zum Großen – damit unseren Kindern und Enkelkindern das Leid der Vertreibung erspart bleibt.

Joschi Ament, Bundesvorsitzender