Gedenkkonferenz in Budapest - Rede von Klaus J. Loderer

Was wurde aus den vertriebenen Ungarndeutschen?
Die Eingliederung der Deutschen aus Ungarn in Deutschland und die Charta der deutschen Heimatvertriebenen
Rede bei der Gedenkkonferenz zur Vertreibung der Deutschen aus Ungarn im ungarischen Parlament
Budapest, 16. November 2007

Klaus J. Loderer
Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn


Elnök Asszony!
Tisztelt Hölgyeim és Uraim!

Megtisztelve érzem magam, hogy ma itt a parlamentben Önök höz szólhatok.

Tisztában vagyok a rendezvény különlegességével, ami ebben a formában
Prágában vagy Varsóban még mindíg elképzelhetetlen lenne.


Frau Präsidentin,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich fühle mich geehrt, daß ich heute in diesem hohen Haus sprechen darf.

Ich bin mir der Besonderheit dieser Veranstaltung bewußt, die in dieser Form in Prag oder Warschau immer noch nicht denkbar wäre.

Das Gedenken an die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn vor sechzig Jahren wurde in diesem und im letzten Jahr mit einer Vielzahl von Veranstaltungen in Ungarn und Deutschland begangen. Ich hatte die Gelegenheit letztes Jahr in Soroksár eine bewegende Gedenkveranstaltung mitzuerleben, bei der das Vertreibungsgeschehen am Originalschauplatz nachgespielt wurde. Mir fiel damals ein eher beiläufiges Detail auf. Während des Geschehens am Bahnhof hörte man im Hintergrund das Mittagsläuten der Pfarrkirche. So muß es auch vor sechzig Jahren gewesen sein. Der Klang der Glocke war das letzte Stück Heimat, das die Vertriebenen in die Fremde mitnahmen.

Nach der damaligen ungarischen Propaganda kehrten die Ungarndeutschen in ihre Heimat zurück. In Wirklichkeit kamen sie in eine unbekannte Fremde. Und die Bewohner Deutschlands sahen in ihnen weitere Fremde, mit denen sie ihre zerstörte Heimat teilen sollten.

Denn die Ungarndeutschen kamen in ein Land, dessen Städte zerstört und das bereits weit mehr als zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene beherbergen mußte. Nun kamen weitere 200.000 Ungarndeutsche hinzu.

Trotz der redlichen Bemühungen, diese unterzubringen und zu versorgen, gab es auch manche Irritationen. Dazu zählte schon einmal der Dialekt, der die Verständigung in Deutschland erschwerte. Für die schulpflichtigen Kinder war der Anfang schwer, denn Schriftdeutsch hatten sie in Ungarn nicht lernen dürfen. Manches böse Worte mußten die Erwachsenen erdulden: als „ungarische Zigeuner“ wurden sie beschimpft. Mit ihren weiten schwarzen Röcken und Kopftüchern fielen besonders die älteren Frauen auf.

Doch bewiesen die Ungarndeutschen eine erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Schnell versuchten sie ein Eckchen Erde zu ergattern, um darauf Mais, Paprika und Kartoffeln anzubauen und sich selbst zu versorgen. Sie arbeiteten bei Abräumen und Aufbau der zerstörten Städte mit. Keine Arbeit war ihnen zu schwer, um ein paar Mark zu verdienen.

Bestand bei den Älteren noch lange die Hoffnung, in die geliebte ungarische Heimat zurückkehren zu können, arrangierten sich die Jüngeren schneller mit der Situation und versuchten, in Deutschland das beste aus ihrer Lage zu machen. Daß es in Deutschland nach der Währungsreform schon bald wirtschaftlich bergauf ging, kam ihrem Fleiß entgegen.

Unterstützt von Lastenausgleich und günstigen Krediten und vor allem durch viel Eigenarbeit nach Feierabend und am Wochenende nutzten die Ungarndeutschen die erste Gelegenheit, ein eigenes Haus mit eigenem Garten zu bauen. Daß manch ungarndeutsch geprägter Straßenzug von den Einheimischen als „Paprikasiedlung“ bespöttelt wurde, deutet an, was in den Gärten wuchs.

Doch sind solche Vorurteile längst vergessen, denn inzwischen ist Paprika fester Bestandteil der deutschen Küche. Wie auch die Ungarndeutschen längst in die Bevölkerung integriert und anerkannte Bürger sind. Zu dieser Anerkennung trug sicherlich der unendliche Fleiß der Ungarndeutschen und ihre Sparsamkeit bei. Sie gründeten Handwerksbetriebe und bauten Firmen auf.

Einen wichtigen Anteil bei der Integration hatte sicherlich der Sport. Grenzten manche einheimische Sportvereine die Flüchtlinge und Vertriebenen zuerst aus, gründeten diese oft kurzerhand eigene Vereine. Diese Fußballmannschaften waren oft gefürchtet – weil sie so gut waren. Doch gerade das führte letztlich zur positiven Anerkennung.

Die Pflege des ungarndeutschen Brauchtums brachte neue Aspekte in die Kultur der Dörfer und Städte. Denn trotz Assimilierung in Deutschland pflegten die Ungarndeutschen doch noch ihre Erinnerungen an die alte Heimat. Bei Heimattreffen traf man sich regelmäßig. Man organisierte sich in Heimatortsgemeinschaften und Orts- und Kreisverbänden der Landsmannschaft. Schon bald entstanden ungarndeutsche Tanzgruppen und Blaskapellen. Die Sehnsucht nach der Heimat und die Sorge, daß das ungarndeutsche Kulturgut verloren gehen könnte, führten zur Gründung von Heimatstuben und Museen. Über zahlreiche Orte wurden Heimatbücher verfaßt.

Viele Städte und Gemeinden übernahmen Patenschaften über ungarndeutsche Gruppen. Besonders Backnang und Gerlingen, deren Stadtoberhäupter heute unter uns weilen, entwickelten sich zu Zentren ungarndeutscher Kultur.

Und noch ein Aspekt ist zu nennen: kirchliche Organisationen wie Caritas und Diakonisches Werk bemühten sich von Anfang an um die Heimatvertriebenen. Umgekehrt wurden die Ungarndeutschen oft zu den Gründern neuer Kirchengemeinden. Denn bei der Unterbringung der vertriebenen Ungarndeutschen kamen Katholiken zumeist in eher evangelisch geprägte Gebiete wie Württemberg, während Protestanten zumeist in eher katholisch geprägte Gebiete wie Oberbayern kamen.

Die Diasporasituation erschwerte die seelsorgerische Betreuung in den Anfangsjahren sehr. Den Wunsch nach einer eigenen Kirche erfüllten sich die Ungarndeutschen mit Fleiß und Spendenbereitschaft. Ein schönes Beispiel ist die katholische Kirche in Gaildorf, wohin viele Vertriebene aus Budajenö gekommen waren.

Doch auch die Kirchen in ihrer Heimat vergaßen die Ungarndeutschen nicht. Viele Spenden flossen nach Ungarn, um die Renovierung von Kirchen und die Erhaltung von Friedhöfen zu unterstützen.

Ich darf in diesem Zusammenhang zurückkommen auf das anfängliche Stimmungsbild aus Soroksár. Bei der Gedenkveranstaltung im letzten Jahr fuhren zwar auch wieder die Waggons ab. Doch hinter dem Zug tauchten die damals Vertriebenen auf, die über die Gleise auf die jetzigen Soroksárer zukamen und ihnen als versöhnliche Geste rote Nelken überreichten.

Trotzdem die Deutschen aus Ungarn durch die Vertreibung einen schweren Schock erlitten, ihr Eigentum und ihre Heimat verloren, behielten sie ihre Liebe zu Ungarn im Herzen.

Dies zeigte sich etwa 1956. Mit Ausbruch der ungarischen Revolution fieberten die Deutschen aus Ungarn für einen Umbruch in Ungarn. Man beachte, daß es die ungarndeutschen landsmannschaftlichen Vereinigungen waren, die Sammlungen von Spenden und Hilfsgütern organisierten und nach Ungarn leiteten. Nach Niederschlagung der Revolution halfen sie denjenigen, die nach Deutschland flohen.

Auch später verloren die Deutschen aus Ungarn das Land nie aus dem Blickfeld. Bereits Anfang der Sechzigerjahre nutzten viele die Gelegenheit, wieder nach Ungarn zu reisen und Verwandte zu besuchen. Und es waren Ungarndeutsche, die deutsche Lokalpolitiker in den Patenstädten dazu bewegten, doch einmal Ungarn zu besuchen. So kamen viele Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Ungarn durch die Ungarndeutschen zustande.

Die Deutschen aus Ungarn wurden so zu Brückenbauern, die sich auch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs nicht von den Barrieren zwischen den politischen Blöcken abschrecken ließen.

Die Deutschen aus Ungarn lebten damit aktiv die Charta der deutschen Heimatvertriebenen, einer Vereinbarung, mit der am 5. August 1950 in Stuttgart die deutschen Heimatvertriebenen auf Rache und Vergeltung für die Vertreibung verzichteten. Auf der menschlichen Ebene wirkten sie dauerhaft im Sinne der Charta, die forderte: „Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.“

Diese Leistungen als Brückenbauer weiß man auch in Ungarn zu schätzen. Nicht wenige damals vertriebene Ungarndeutsche wurden inzwischen von ihren Heimatorten zu Ehrenbürgern ernannt.

Daß sich die Deutschen aus Ungarn als Brückenbauer zwischen Ungarn und Deutschland erwiesen, läßt sie die Situation der Ungarndeutschen in Ungarn interessiert und kritisch beobachten. Man nimmt die positiven Entwicklungen – etwa im Ausbau der Selbstverwaltungen – wahr und unterstützt diese nach Möglichkeit. Allerdings bedauert man auch, daß die parlamentarische Vertretung der Minderheiten immer noch nicht geregelt ist, was auch der frühere Minderheitenombudsmann Prof. Kaltenbach immer wieder monierte.


Längst bedauert man auch in Ungarn die Vertreibung. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte man in Deutschland, als sich Staatssekretär Csaba Tabajdi erstmals offiziell für die Vertreibung entschuldigte. Geradezu herzlich war die Atmosphäre, als Staatspräsident Árpád Göncz in Deutschland mit Ungarndeutschen zusammentraf und voller Rührung ungarndeutsche Volkstänze erlebte. Dies sind nur zwei Beispiele von vielen.

Hochrangige politische Vertreter Ungarns bewiesen immer wieder den Mut, sich für die Vertreibung zu entschuldigen. Doch ist dies in Europa immer noch eine Besonderheit.

Daß Vertreter der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn in der Gemischten Kommission Baden-Württemberg-Ungarn mitarbeiten, läuft als Selbstverständlichkeit. Doch bedenken wir, daß im Verhältnis von Deutschland zu anderen mitteleuropäischen Staaten die Landsmannschaften häufig immer noch als störend angesehen werden.

Freuen wir uns, daß in unserem Fall die Vertriebenen einen Beitrag dazu leisten konnten, daß ein Band zwischen zwei Staaten geknüpft wurde.

Heimat ist den Deutschen aus Ungarn wichtig. Heimat ist für sie immer noch Ungarn, Heimat ist ihnen inzwischen aber auch Deutschland. So hört man oft, wenn Deutsche aus Ungarn im Urlaub nach Ungarn fahren: „Wir fahren heim.“ Doch sagen sie am Ende ihres Urlaubs auch: „Wir fahren heim.“ Die vertriebenen Deutschen aus Ungarn sind inzwischen in Deutschland integriert, doch haben sie ihre alte Heimat Ungarn nicht vergessen.