Gedenkkonferenz in Budapest - Berichte

Ungarn muss sich der Vertreibung als Teil seiner Geschichte stellen

Vertreibungskonferenz im Parlament in Budapest »Dieser Tag hat das Gewissen angesprochen,« fasste die Präsidentin der ungarischen Nationalversammlung, Dr. Katalin Szili, die Beiträge einer bemerkenswerten Gedenkkonferenz zusammen, die am 16. November in Budapest stattfand. Deutlich bat sie um Entschuldigung für die Vertreibung der Ungarndeutschen vor 60 Jahren. Bei der Gedenkkonferenz im ehemaligen Oberhaus des ungarischen Parlaments waren auch mehrere Vertreter aus Deutschland anwesend, darunter die Präsidentin des Bunds der Vertriebenen, Erika Steinbach. Es sei dringend nötig gewesen, dass diese Entschuldigung am Ort der unsäglichen Entscheidung der ungarischen Regierung im Dezember 1945 geschehe, betonte die Parlamentspräsidentin in ihrer Eröffnungsrede der Gedenkkonferenz. »Im 21. Jahrhundert muss ich mich als Parlamentarierin der Verantwortung der Vertreibung stellen,« so Szili. »Nie wieder«, sei der Ruf, der nachhallen müsse. Ungarn sei traditionell ein Land mit Minderheiten. Trotzdem habe der Staat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gesetze beschlossen, diese zu diskriminieren, was schließlich in der Vertreibung kumuliert sei.


Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert erinnerte daran, dass das 20. Jahrhundert als das Jahrhundert der großen Kriege und der Vertreibungen in die Geschichte eingehen werde. In Ungarn habe die Vertreibung im Januar 1946 in der Gemeinde Budaörs westlich von Budapest begonnen. Von den 480.000 in Ungarn lebenden Ungarndeutschen seien zwischen 1946 und 1948 ungefähr die Hälfte vertrieben worden.

Alle Redner der Gedenkkonferenz betonten, wie wichtig es sei, dass sich Ungarn diesem Detail seiner Geschichte stelle, auch wenn die Vertreibung eine unangenehme Verantwortung sei. Der kritische Blick auf die eigene Geschichte biete eine Grundlage für die Zukunft.

»Es ist unangenehm, von der Schuld der Väter zu sprechen,« doch belaste eine unbewältigte Vergangenheit die Gegenwart, so Dr. Ernö Kallai, der Minderheitenbeauftragte des ungarischen Parlaments. Es stimme ihn traurig, dass Ungarn damals alle Rechtsgrundsätze umgehend eine Kollektivbestrafung einer Volksgruppe durchgeführt habe. Unangenehm sei es, dass man auch heute noch Äußerungen höre, dass Ungarn eigentlich gar keine Minderheiten besitze.

Dass es künftig keine kollektiven Beschuldigungen mehr geben solle, hielt Péter Kiss, Staatsminister im Amt des Ministerpräsidenten, für wichtig. Die Konferenz lenke die Augen der internationalen Öffentlichkeit auf Ungarn. Er betonte, dass auch die vertriebenen Ungarndeutschen »Teil unseres Vaterlands« seien.

Zwei wissenschaftliche Vorträge gingen auf die Vertreibung ein. Auf die nicht bewältigte Vergangenheit ging auch der Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Dr. Ferenc Glatz, ein. Auf die nicht bewältigte Erinnerung an die Vertreibung führte er die Demokratiedefizite der Gegenwart zurück. Die große Tragödie sei gewesen, dass in Ungarn ausgerechnet Juden und Deutsche einer massiven Ausgrenzung zum Opfer gefallen seien. Für den Umgang des 20. Jahrhunderts mit Minderheiten sah Dr. Agnes Tóth vom Forschungsinstitut für Minderheiten der Ungarischen Akademie der Wissenschaften vor allem die beiden Tendenzen: entweder Assimilierung oder ethnische Trennung.

Allgemeine Informationen zur Vertreibung bot anschaulich ein eingangs gezeigter Film der deutschen Redaktion des MTV-Regionalstudios Fünfkirchen (Pécs). Eine literarische Sicht boten György Konrád und Franz Sziebert.

Auch Vertreter der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn waren zur Gedenkkonferenz eingeladen. Der LDU-Bundesvorsitzende Klaus J. Loderer ging in seinem Vortrag auf die Eingliederung der Vertriebenen in der Nachkriegszeit ein. Aus vielen persönlichen Beziehungen der Ungarndeutschen seien inzwischen zahlreiche Städte- und Gemeindepartnerschaften erwachsen. Die Ungarndeutschen hätten sich so als Brückenbauer zu ihrer »alten Heimat« erwiesen, weil sie im Herzen ihre Liebe zu Ungarn bewahrten. Loderer dankte der Parlamentspräsidentin für diese Gedenkveranstaltung, die deshalb so bedeutend sei, weil sie in dieser Form in Warschau oder Prag immer noch undenkbar sei. Allerdings monierte er die immer noch ausstehende parlamentarische Vertretung der Minderheiten.

Kritisch äußerte sich auch der Ehrenbundesvorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Ungarn, Dr. Friedrich A. Zimmermann zur ungarischen Minderheitenpolitik. Er bemängelte vor allem, daß die Zahl der Kindergärten und Grundschulen mit Sprachausbildung in der deutschen Muttersprache immer noch zu gering sei, um die nötige Breitenwirkung zu haben. Zimmermann erinnerte auch daran, daß man bisher in Ungarn die Schuld an der Vertreibung immer gerne auf die Potsdamer Konferenz geschoben habe. Er zeigte sich erfreut, daß der zu Anfang der Gedenkkonferenz gezeigte Film dies richtiggestellt habe. Zimmermann endete seinen Vortrag mit der Charta der deutschen Heimatvertriebenen, in der diese 1950 den Verzicht auf Rache und Vergeltung postulierten.

Eine überaus kritische Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation der Ungarndeutschen im heutigen Ungarn nahm Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen vor. Er zeigte massive Defizite in der Minderheitenpolitik des Landes auf. Immerhin sei »die heutige Veranstaltung ein kleiner Beitrag zur Wiederherstellung der Moral in Europa.«

»Ich kenne meine Pflichten. Ich weiß, wir müssen die parlamentarische Vertretung der Minderheiten umsetzen,« betonte die Parlamentspräsidentin in ihrer Schlussansprache.

Zur ungarndeutschen Delegation gehörten Matthias Schmidt, Georg Köber und der Vorsitzende der Suevia Pannonica, Dr. Johann Till. Aus Deutschland waren die Landtagspräsidenten der Bundesländer eingeladen, in die vertriebene Ungarndeutsche gekommen waren. Neben der thüringischen Landtagspräsidentin Prof. Dr. Dagmar Schipanski aus Erfurt und dem Präsidenten des hessischen Landtags Norbert Kartmann aus Wiesbaden nahmen der Backnanger Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper und Gerlingens Bürgermeister Georg Brenner an der Gedenkkonferenz teil. Diese vertraten die beiden Patenstädte der Ungarndeutschen, Backnang und Gerlingen. Auch der ungarische Honorarkonsul in Stuttgart, Rolf Kurz, der Vorsitzende der Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes Baden-Württemberg, Prof. Dr. Christian O. Steger und der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm waren nach Budapest gekommen. Zu den hochrangigen Teilnehmern gehörten auch der deutsche Botschafter in Budapest, der ungarische Botschafter in Deutschland und der frühere Minderheitenbeauftragte des ungarischen Parlaments, Prof. Dr. Jenö Kaltenbach, die der Nachmittagssitzung präsidierten.

Im Foyerbereich konnte man eine Ausstellung zum Thema Vertreibung sehen. In Vitrinen waren Dokumente, Vertreibungslisten, alte Zeitungsbände aus der Parlamentsbibliothek und Bücher zu sehen, die auf die Vertreibung eingehen. Entlang der Wände boten Gemälde und Zeichnungen von Robert König eine Einstimmung. Und im Umgang des Plenarsaals zeigten historische Fotos der ungarischen Nachrichtenagentur authentische Bilder der Vertreibung. Eröffnet wurde die Ausstellung am Tag vor der Gedenkkonferenz. Parlamentspräsidentin betonte auch hier, wie wichtig ihr das Gedenken an die Vertreibung sei. Das Wirken des ungarndeutschen Künstlers Robert König, der Träger des donauschwäbischen Kulturpreises des Landes Baden-Württemberg ist, erläuterte der Vorsitzende des Verbands ungarndeutscher Autoren und Künstler, Johann Schuth.

Über die Vertreibungskonferenz gab es auch internationales Echo. So berichteten in Deutschland die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Die ungarische Tageszeitung Magyar Hírlap widmete zwei volle Seiten mit Fotos diesem Thema. Der Beitrag hatte den Titel »Ungerecht wurden die ungarländischen Schwaben aus der Heimat vertrieben«. »Die Vertreibung der Ungarndeutschen war eine große Sünde«, stellte Magyar Hírlap eingangs fest und befasste sich im weiteren mit den Umständen und der juristischen Vorbereitung der Vertreibung.

Klaus J. Loderer (aus: Unsere Post, Dezember 2007)

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Auszeichnung für Katalin Szili - Ehrung mit BdV-Plakette


Budapest - Vor der Gedenkkonferenz über die Vertreibung der Ungarndeutschen vor 60 Jahren am 16. November im Parlament in Budapest kam es zu einer wichtigen Auszeichnung der Präsdientin der ungarischen Nationalversammlung, Dr. Katalin Szili. Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, ehrte sie im Gobelinsaal mit der BdV-Ehrenplakette. Die Ehrenplakette ist die höchste Auszeichung des BdV. »Bei ihrem Amtsantritt haben Sie sich selbst den Griechen Solon zum Maßstab gesetzt, wonach Sie moralisch und human Ihr hohes Amt ausüben wollen,« begann Erika Steinbach die Laudatio auf Katalin Szili. »Diesen selbst gesetzten Anspruch haben Sie in einer bemerkenswerten Weise umgesetzt. Das gute Auskommen mit Minderheiten ist Ihnen ein Anliegen und die Menschenrechte haben für Sie einen hohen Stellenwert. Ihr besonderer Einsatz für das Erinnern an das Schicksal der vertriebenen Deutschen war und ist europaweit singulär. In einer beeindruckenden Rede aus Anlass der Einweihung des Vertriebenendenkmals in Wudersch, unweit von Budapest, haben Sie im vorigen Jahr ergreifend Anteil genommen und mit folgender Feststellung geschlossen: Die Entrechtung der Deutschen, ihre Vertreibung aus ihrem Vaterland können heute kein Tabuthema mehr sein. Und Sie kündigten damals bereits den heutigen Kongress an. Sie, verehrte Frau Präsidentin, haben nicht nur etwas versprochen, sondern ihr Versprechen auch gehalten. Das Präsidium des Bundes der Vertriebenen hat im Oktober einstimmig beschlossen, Sie mit der höchsten Auszeichnung unseres Verbandes zu ehren. Damit stehen sie in einer Reihe mit den deutschen Bundeskanzlern Konrad Adenauer und Helmut Kohl sowie dem estnischen Staatspräsidenten Lennart Meri. Die deutschen Heimatvertriebenen haben schon 1950 postuliert, dass sie an einem versöhnten Europa mitarbeiten wollen in dem die Völker friedlich miteinander leben. Unsere Auszeichnung, die ich Ihnen, sehr verehrte Frau Präsidentin, heute überreichen darf, soll auch deutlich machen, dass wir mit großer Freude Ihre ausgestreckten Hände der Versöhnung ergreifen. Für die Erlebnisgeneration der Vertriebenen ist Ihr Handeln, Frau Präsidentin, ein Trost am Ende eines streckenweise sehr schweren Lebens. Ich hoffe sehr, dass auch Politiker aller Länder in der EU und darüber hinaus die moralische Kraft finden, diesen Weg, den das ungarische Parlament durch Ihre Initiative eingeschlagen hat, zu gehen.«

In ihrer Dankesrede zeigte sich Katalin Szili geehrt über die hohe Auszeichnung. Sie betonte, wie wichtig es ihr gewesen sei, dass die Gedenkkonferenz abgehalten werde. Sie habe damit eine moralische Pflicht erfüllt. Ihre Großeltern Rosa Zimmermann und Leopold Bayer wären glücklich, hätten sie diesen Tag erleben können.



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